Sponsionsbuch
Graz. 1650. Sign.: Ms II 2055. Projektnummer: 60-2026.2055
Diese Handschrift ist ein wertvolles Zeugnis des universitären Lebens im 17. Jahrhundert: Es handelt sich um ein sogenanntes Formelbuch oder Sponsionsbuch. Diese Bücher dienten als Vorlage für akademische Feiern, bei denen Studierenden die verschiedenen Grade – etwa Bakkalaureat, Magister oder Doktorat – verliehen wurden. Sie enthalten die liturgischen Texte, Gebete und Gelöbnisformeln, die während der Zeremonien gesprochen wurden. Das vorliegende Sponsionsbuch entstand um 1650 und besteht aus 16 Pergamentblättern sowie vier später ergänzten Papierblättern. Erhalten ist sie in einem zeitgleichen Ledereinband mit Goldverzierungen am Rand. Die Vorderseite trägt das Christusmonogramm IHS, die Rückseite das Marienmonogramm MARIA in einem ovalen Mittelfeld. Der Grazer Einbandforscher Werner Hohl ordnete den Einband der Werkstatt S. Haupt zu und datierte ihn auf die Zeit nach 1650. Im Laufe der Zeit wurde die Handschrift von verschiedenen Benutzern ergänzt, korrigiert und mit Nachträgen versehen, sodass sie über viele Jahre hinweg praktisch verwendet wurde.
Der Inhalt folgt dem Ablauf einer akademischen Graduierungsfeier. Den Beginn bildet der Hymnus „Veni creator spiritus“, ein im 9. Jahrhundert entstandenes Gebet zum Heiligen Geist, das meist dem Fuldaer Abt Rabanus Maurus zugeschrieben wird. Es folgen das Vaterunser und eine Oration. Anschließend legen die Kandidaten mit der Confessio fidei öffentlich ihr Glaubensbekenntnis ab. Erst danach schließen sich die eigentlichen Formeln zur Verleihung der akademischen Grade an. Den feierlichen Abschluss bilden das Te Deum und eine weitere Oration.
Die Handschrift veranschaulicht eindrucksvoll, wie eng Universität, Wissenschaft und Religion im 17. Jahrhundert miteinander verbunden waren. Akademische Abschlussfeiern waren nicht nur festliche, sondern zugleich religiöse Zeremonien. Vor allem an katholischen Universitäten war das öffentliche Glaubensbekenntnis ein verpflichtender Bestandteil der Graduierung. Die Gelöbnisformeln wurden in lateinischer Sprache vorgetragen und vom Kandidaten mit den Worten „Spondeo“ („Ich gelobe es“) oder „Spondeo ac polliceor“ („Ich gelobe und verspreche es“) beantwortet.
Die Eidesleistung war von symbolischen Handlungen begleitet. Die Kandidaten traten einzeln vor den Promotor und streckten häufig zwei oder drei Finger in Richtung des Fakultätszepters aus, das vom Pedell, dem Universitätsdiener, gehalten wurde. Mit diesem Eid verpflichteten sie sich, die Satzungen ihrer Fakultät einzuhalten, die an ihrer Universität vertretene Glaubenslehre zu bewahren und zu verbreiten sowie das Ansehen ihrer Alma Mater zu schützen. Zugleich verstanden sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit als Dienst an Wahrheit und Gemeinwohl. Als sorgfältig gestaltetes und über lange Zeit genutztes Formelbuch vermittelt Ms 2055 einen anschaulichen Einblick in die feierlichen Rituale, die akademischen Traditionen und das Selbstverständnis der Universitäten in der frühen Neuzeit.
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Fotocredits: Uni Graz/Restaurierung