De Ratione Curandi per Sanguinis Missionem, Libri Decem
Oratio Augenio, Medico et Philosopho. Turin. 1584. Sign.: RARA1 I 19180. Projektnummer: 58-2026.19180
Orazio Augenio (1527 bis 1603) zählte zu den bedeutendsten Medizinern seiner Zeit. Als Professor für Medizintheorie an der Universität Padua wirkte er an jenem Ort, der im 16. Jahrhundert als eines der wichtigsten Zentren medizinischer Forschung Europas galt. Hier hatte bereits Andreas Vesalius die Anatomie revolutioniert, und einige Jahrzehnte später sollte William Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufs, in Padua studieren. Augenio stand somit im Mittelpunkt einer Epoche, in der traditionelle Autoritäten hinterfragt und neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen wurden. Sein Werk De Ratione Curandi Per Sangvinis Missionem („Über die Heilkunst durch den Aderlass“), das 1584 erschien, entstand genau in diesem Spannungsfeld zwischen überliefertem Wissen und wissenschaftlicher Debatte.
Der Aderlass gehörte damals zu den wichtigsten Behandlungsmethoden der Medizin. Nach der seit der Antike verbreiteten Lehre von den Körpersäften glaubte man, viele Krankheiten durch das gezielte Entziehen von Blut lindern oder heilen zu können. Besonders intensiv setzt er sich mit den Ansichten des Philosophen Arcangelo Mercenari auseinander, dessen Einwände er Punkt für Punkt zurückweist. Das Werk zeigt eindrucksvoll, wie medizinisches Wissen in der Renaissance entstand: nicht allein durch Beobachtung und Behandlung der Patient:innen, sondern auch durch gelehrte Diskussionen, akademische Streitgespräche und die kritische Auseinandersetzung mit den Autoritäten der Vergangenheit. Gerade deshalb eröffnet dieses Buch einen faszinierenden Blick auf eine Zeit, in der die Grundlagen der modernen Medizin erst langsam Gestalt annahmen.
Mehr Informationen zu unseren ausgewählten Werken und wie Sie die Bewahrung des historischen Büchererbes unterstützen können finden Sie hier.
Fotocredits: Uni Graz/Restaurierung